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Kunstmuseum Winterthur:

Albert Anker

Die Kinderkrippe, 1890

Albert Anker – Die Kinderkrippe

Albert Anker
Die Kinderkrippe
, 1890
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1950
SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Zu Albert Ankers Kinderkrippe gibt es eine überlieferte Anekdote. Angeblich schämte sich die porträtierte Kinderbetreuerin für ihre schmutzige Haube und bat den Künstler, diese nicht zu malen. Sie faltete kurzerhand eine frische Serviette und band sie sich um den Kopf. Anker kam dem Wunsch zwar nach und malte eine sauber-weisse Kopfbedeckung, konnte es aber nicht lassen, die gebrauchte Haube dennoch ins Bild zu setzen: augenzwinkernd fügte er sie unten rechts am Bildrand ein, auf dem Stuhl, wo die Porträtierte sie abgelegt hatte.

Diese schöne Geschichte illustriert, dass Anker ein Mann fürs Menschliche war. Er interessierte sich für die Leute, ihre Sorgen und ihre Empfindungen, ihr Leben und ihre Gefühle. Mit genauem Blick und treffsicherem Pinsel schuf er Abbildungen der damaligen Bevölkerung, meist aus ländlichen Gegenden.

Besonders faszinierten ihn ältere Menschen und Kinder – beides Bevölkerungsgruppen, die nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit alltäglicher Geschäfte lagen. In der meisterhaften Kinderkrippe von 1890 kommt sein Einfühlungsvermögen besonders gut zum Ausdruck: Jedes Kind ist individuell charakterisiert. Sie sind nicht – wie sonst üblich – einfach als kleine Erwachsene dargestellt. Vielmehr zeigt Anker sie in typisch kindlichem Verhalten: Eines ist eingeschlafen, ein anderes leidet an Zahnschmerzen und eines war offenbar unartig und muss auf dem Schandbänkchen in der Ecke essen. Trotz des einfachen Milieus und der kargen Mahlzeit, die aus nichts als Suppe besteht, strahlen die runden, zufriedenen Kindergesichter Vertrauen aus. Es wird angenommen, dass der Maler in diesem Werk die ‹Gerberngraben-Krippe› im Mattenquartier in Bern, wo damals eher ärmere Leute wohnten, dargestellt hat. In dieser Krippe wurden Kinder tagsüber von einer Diakonissin betreut, während ihre Eltern schwer arbeiteten.

Das Werk ist eine von Ankers gelungensten Vielfigurenkompositionen. Zahlreiche Studien gingen dem Gemälde voraus, für die der Künstler verschiedene Skizzen anfertigte. Manchmal sassen ihm dabei dieselben Kinder für unterschiedliche Köpfe Modell. Das querformatige Gemälde lässt den Raum mehr in die Breite als in die Höhe wachsen und beeindruckt durch seine komplexe Komposition und das differenzierte Farbspiel. Die Hellfarbigkeit des Werks scheint motivisch begründet zu sein. Ein Dialog von hellen und dunklen Bildern zieht sich nämlich durch das Schaffen von Albert Anker und dies meist entlang von Stadt- und Land-Motiven, wobei die städtischen Bilder heller sind und die ländlichen dunkel. Anker selbst führte ein Leben zwischen Stadt und Land: Er wohnte im bäuerlich geprägten Ins im Berner Seeland, verbrachte die Winter aber meistens in Paris, wo er ein Atelier unterhielt und viele Kontakte in die Kunstwelt pflegte.

Albert Anker – Die Kinderkrippe

Albert Anker
Die Kinderkrippe
, 1890
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1950
SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)