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Kunstmuseum Winterthur:

Albert Müller

Interieur, 1924

Albert Müller - Interieur

Albert Müller
Interieur
, 1924
Kunst Museum Winterthur, Ankauf, 1965
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)

Der Basler Albert Müller gilt als ein Hauptvertreter des Schweizer Expressionismus. Seine erste künstlerische Ausbildung erhielt er in einem Glasmalatelier sowie an der Gewerbeschule seiner Geburtsstadt. Die hiesigen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Einschränkungen veranlassten Müller mit 24 ins Tessin zu übersiedeln. Trotzdem blieb er dem kulturellen Geschehen in Basel verbunden. So begegnete er in der Kunsthalle Basel dem Werk von Ernst Ludwig Kirchner. Dieses beeindruckte ihn und andere junge Basler Kunstschaffende zutiefst und veränderte ihr Schaffen radikal.

In der Folge gründete Müller zusammen mit Paul Camenisch und Hermann Scherer in der Silvesternacht 1924 die Gruppe Rot-Blau. Die Gruppe verstand sich als innovative Künstlervereinigung, deren Zusammenschluss als Auflehnung gegen die ältere Generation von Basler Malern erfolgte. Sie führte zu einer späten Blüte des Expressionismus in der Schweiz. Die Malerei war wild und schockierte durch ungehemmte Farbigkeit und archaische Formensprache. Nicht mehr das Abbild der realen Welt war das Ziel, sondern das Innere, Subjektive zum Ausdruck zu bringen.

In unserer Interieurszene zeigt sich dies besonders in den starken, leuchtenden Farben, die Müller verwendet hat. Drei Frauen sitzen nahsichtig und auf engem Raum an einem Tisch. Die befensterte Wand mit der davor platzierten Eckbank am rechten Bildrand erschliesst durch die starke Verkürzung rasch Tiefe, während der wie aufgeklappt wirkende Tisch im Vordergrund und die Rückwand mit den beiden Bildern Flächigkeit betonen. Extrem und expressiv sind nicht zuletzt auch die schroffen Konturen, harten Ecken und Kanten der Bilddetails insbesondere der drei Figuren. Während die beiden Frauen im Profil in ihre Lektüre und Handarbeit vertieft sind, scheint uns die hinter dem Tisch Sitzende teilnahmslos anzublicken. Mit verschränkten Armen und hochgezogenen Schultern nimmt sie eine unnatürliche, fast verkrampfte Körperhaltung ein, was den Eindruck erweckt, dass sie etwas ernsthaft bedrückt.

Albert Müller - Interieur

Albert Müller
Interieur
, 1924
Kunst Museum Winterthur, Ankauf, 1965
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)

Die Dargestellte ist Anna Müller-Hübscher, die Frau des Malers. Sie litt aufgrund einer schweren Geburt ein Jahr vor der Entstehung des Bildes und der finanziellen Schwierigkeiten der jungen Familie an Depressionen. Müller fing im Bild die Befindlichkeit und innere Anspannung seiner Partnerin ein und macht diese für uns Betrachtende spürbar. Dennoch wirkt die Situation der drei Frauen freundschaftlich vertraut, was Müller durch das sanfte Rosa des Tischs und das warme Licht der Lampe zum Ausdruck bringt. Letztere ist eine stimmungsvolle Metapher für Intimität und Zusammengehörigkeit von Menschen an einem Tisch, wo ihr Schein zum Sinnbild für Wärme und Geborgenheit wird.