Alberto Giacometti
La clairière, 1950

Alberto Giacometti
La clairière (Place 9 figures), 1950
Kunst Museum Winterthur, Depositum der Alberto Giacometti–Stiftung, 1976
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Alberto Giacometti hatte die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Genf verbracht. 1945 kehrte er nach Paris zurück. Sein altes Atelier war unversehrt – er hätte einfach weiterarbeiten können. Doch es war für Giacometti nicht einfach, mit seiner Arbeit wieder anzufangen. Während der Kriegsjahre hatte er sich intensiv mit der menschlichen Figur auseinandergesetzt. Er wünschte sich, lebensgrosse Figuren zu schaffen. Figuren, wie sie ihm auf der Strasse begegneten, wie er sie erinnerte.
Wenn Giacometti solche Figuren modellierte, wurden sie immer länger und feiner, ohne dass er dies wollte. Diese Figuren oder eher Figürchen stellte er im Atelier auf den Boden, wie es sich gerade ergab. Beim Betrachten der Figuren wurde Giacometti unversehens klar, dass diese zufällige Anordnung stimmte. Das war, was er gesucht hatte. So entstand La clairière.
Die Figuren stehen nahe beisammen. Dennoch wirken sie isoliert, vereinzelt. Jede Figur hat ihre eigene Dimension, ihren eigenen Sockel. Deshalb betrachten wir jede Figur für sich und nehmen dabei verschiedene Perspektiven ein, die sich von Figur zu Figur verändern.
La clairière bedeutet ‹die Baumlichtung›. Wald und Lichtung fehlen; was der Titel meint, bleibt rätselhaft. Die Lichtung ist der Ort, wo die Figuren stehen. In der Natur oder im Dickicht der Stadt öffnet sich eine Lichtung. Beim Betrachten nehmen wir die Figuren wahr, aber auch den Raum um sie herum. Je feiner die Figuren sind, desto mächtiger wirkt der Raum und desto weiter scheinen sie von uns entfernt. Die Distanz zur menschlichen Figur wächst, sie wirkt unüberwindbar. Damit müssen wir uns abfinden.