Alexandre Calame
Felsen bei Seelisberg, 1861

Alexandre Calame
Felsen bei Seelisberg, 1861
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1935
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Obwohl Alexandre Calame mit einem missgebildeten Fuss und nach einem Unfall mit nur einem Auge lebte, unternahm der Maler viele Wanderungen. Mit 61 Jahren wagte er sich in der Nähe des Rütli an den Rand steil abfallender Felsen, um auf den Vierwaldstättersee blicken zu können und dieses spektakuläre Bild zu malen. Den Standort, den er dafür einnahm, lässt uns nach unten in die Tiefe schauen. Der feste Grund endet ziemlich genau in der Mitte des Bildes. So öffnet Calame den Boden nach rechts und es stellt sich der Eindruck ein, unmittelbar am Abgrund zu stehen – oder sogar über dem Abgrund zu schweben. Calames Biograf Eugène Rambert schrieb dazu: «Jeder andere wäre zurückgewichen, ergriffen vom Schwindel. Für ihn war es aber genau das, was er wollte: das Gefühl des Abgrunds, der Schwindel».
Das Werk gehört zu einer Gruppe von knapp 500 Bildern und Studien, die nach Calames Tod 1865 aus dessen Nachlass versteigert wurden. Zeit seines Lebens hat er diese in der Natur entstandenen Zeichnungen und Ölstudien bei sich behalten und nutzte sie zur Vorbereitung grosser Gemälde. Das Werk war also nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht, auch wenn Format und Ausführung dem eines eigenständigen Gemäldes entsprechen.

Alexandre Calame
Felsen bei Seelisberg, 1861
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1935
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Calame, der als Begründer der ‹Genfer Schule› der Alpenmalerei gilt, spielte hier mit kräftigen Farben und den Gegensätzen von vorne und hinten, oben und unten, hell und dunkel. Der eng gefasste Ausschnitt ohne Horizontlinie bricht mit allen Konventionen der klassischen Landschaftskomposition. Seine offiziellen Gemälde hingegen wie Der Urirotstock von Seelisberg aus, das der Künstler 1848 während seines ersten Aufenthalts auf dem Seelisberg gemalt hat, stehen in der Tradition der heroischen, von der Romantik beeinflussten, überhöhten Landschaftsauffassung. Hier zeigt sich auch die akademische, glasklare Malweise, die ganz dem Geschmack seiner Zeit entsprach. Calame kam der romantischen Naturverbundenheit und Bewunderung der Berge entgegen und stellte seine Malerei auch in den Dienst des im 19. Jahrhundert voll erwachten Patriotismus. Damit hatte der aus bitterer Armut stammende Künstler grossen Erfolg.

Alexandre Calame
Der Urirotstock von Seelisberg aus, 1848
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1930
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)