Logo Kunstmuseum Winterthur

Kunstmuseum Winterthur:

Anselm Feuerbach

Iphigenie, 1870

Anselm Feuerbach - Iphigenie

Anselm Feuerbach
Iphigenie
, 1870
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1952
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Iphigenie, die Tochter Agamemnons, sollte der griechischen Sage nach der Göttin Artemis geopfert werden. Die Göttin bewahrte sie jedoch vor dem Opfertod und verbannte sie nach Tauris, wo sie als Priesterin dienen musste. Der deutsche Künstler Anselm Feuerbach kannte die antiken Texte und besuchte auch eine Vorstellung von Christoph Willibald Glucks Oper Iphigénie en Tauride in München. Vor allem aber war es die Abhandlung des Themas durch Goethe, die für Feuerbachs Darstellung entscheidend war. Erst durch Goethes Drama wurde Iphigenie zum Symbol der Griechenlandsehnsucht.

Neben zwei grossen ganzfigurigen Gemälden, die Iphigenie sitzend vor einer Landschaft am Meeresufer zeigen, malte Feuerbach auch kleinformatige Bilder wie die Winterthurer Variante. Alle Werke zeigen eine in sich gekehrte Schönheit in antikem Gewand, deren Blick in die Ferne schweift. Allerdings konzentriert sich unsere Version des Motivs stärker auf Ausdruck und Haltung des Kopfes der Iphigenie. Im verlorenen Profil setzt sich ihr Haupt mit dem dunklen, kräftigen Haar und den farbigen Schmuckakzenten deutlich vom neutralen Hintergrund ab. Ihr inniger, sehnender Ausdruck zeigt eine Hingabe an die eigenen Gedanken, eine starke Introspektive. Dadurch erhält unsere Iphigenie einen geradezu privaten Aspekt. Der Künstler selbst beschrieb den Schwebezustand seiner Figur sehr treffend: «Der Gefühlszustand, welchen wir Sehnsucht nennen, bedarf körperlicher Ruhe. […] Es war ein Moment der Anschauung, und das Bild ward geboren, Eurypideisch, auch nicht Goethisch, sondern einfach Iphigenie am Meeresstrand sitzend und allerdings ‹das Land der Griechen mit der Seele suchend›. Was sollte sie auch anderes tun?»

Feuerbach war ein literarisch gebildeter Maler unter den «Deutschrömern», wie die im späten 18. und 19. Jahrhundert in Rom lebende Künstlergemeinschaft bezeichnet wird. Im Gegensatz zu den alltäglich anmutenden Mythen seines Künstlerkollegen Arnold Böcklin widmete Feuerbach sich dem, was man als «hohe Mythologie» bezeichnen könnte. Die Geschichte der Iphigenie gehört dabei zu den zentralen Themen in seinem Schaffen. Sie beschäftigte ihn fast zwanzig Jahre lang.

feuerbach_770_neu.jpg

Anselm Feuerbach, Iphigenie, 1871
Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1872
Public Domain Mark 1.0 - Weltweit frei von bekannten urheberrechtlichen Einschränkungen