Arnold Böcklin
Pan im Schilf, um 1856/1857

Arnold Böcklin
Pan im Schilf, um 1856/1857
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1928
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Arnold Böcklins Pan im Schilf erzählt die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Der römische Dichter Ovid schildert in seinen Metamorphosen, wie sich Pan in die Nymphe Syrinx verliebte. Sie jedoch war von seinen Annäherungsversuchen angewidert, floh und bat die Götter um Hilfe. Diese erhörten ihre Bitte und verwandelten die Nymphe kurzerhand in Schilfrohr. Als der traurige Pan durch das Schilf streifte und sein Atem die Halme des Schilfs streifte, entstand ein ergreifender Klang. Inspiriert davon bastelte er sich daraus ein Musikinstrument, mit dessen melancholischen Tönen er sich über das entgangene Liebesabenteuer hinwegtrösten konnte. So entstand die Panflöte.
Das Gemälde markiert einen wichtigen Wendepunkt in Böcklins Schaffen. In den bedrückenden Verhältnissen am Ende seines ersten römischen Aufenthalts gemalt, ermöglichte der Verkauf des Bildes die Rückkehr des Künstlers und seiner jungen Familie nach Basel. Inhaltlich markiert es den Moment, als im Werk des Malers zum ersten Mal die Figur und die Landschaft ebenbürtig auftreten. Böcklin hatte als Landschaftsmaler begonnen, wandte sich aber in den 1850er Jahren zusehends der antiken Mythologie zu, die zunächst eine untergeordnete, im Spätwerk aber die Hauptrolle spielte. Diese Verbindung von Natur und Mythos, die Personifizierung einer Landschaftsstimmung durch Gestalten aus der antiken Götterwelt, wurde zu seiner Lebensaufgabe.
Böcklin war kein Historienmaler, sondern vielmehr ein Erzähler von allgemeinen menschlichen Triebkräften und ewig wiederkehrenden Urzuständen, die er durch mythische Figuren darstellte. Seine Bilder handeln von Gefühlen wie Einsamkeit und Sehnsucht, aber auch von Eros, Kampf, Rausch, Glück und Seligkeit – All dies verpackte er in das Gewand eines verlebendigten Mythos, den er in die Natur einbettet. Selten ist ihm dies so gut gelungen, wie in diesem frühen Hauptwerk.
Nach dem Verkauf dieses Werks kehrte Böcklin nach Basel zurück und schuf eine zweite Fassung von Pan im Schilf. Diese wurde in einer Ausstellung des Münchner Kunstvereins gezeigt und prompt vom Bayerischen König erworben. Seither hängt dieses Bild in der Neuen Pinakothek in München. Dieser erste grosse öffentliche Erfolg des jungen Künstlers begründete seinen Aufstieg zu einem der gefeiertesten Malern des 19. Jahrhunderts.