Auguste Rodin
Pierre de Wissant, um 1885–1887

Auguste Rodin
Pierre de Wissant (nu monumental), um 1885–1887
Kunst Museum Winterthur, Ankauf mit Jubiläumsspenden der Schweizerischen Bankgesellschaft, der Aktiengesellschaft Johann Jakob Rieter & Cie, der Gebrüder Sulzer Aktiengesellschaft und der Schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft, 1948
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)
Um 1900 erlebte die Skulptur tiefgreifende Veränderungen; Material und Raum wurden auf neue Weise behandelt. Zu den grossen Neuerern gehört Auguste Rodin. Die Figur des Pierre de Wissant wurde nicht für sich allein geschaffen. Sie ist eine der sechs Figuren aus den Citoyens de Calais. Diese mehrteilige Skulptur erinnert an eine Episode aus dem Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Sechs Bürger opferten sich für ihre Stadt. Rodin suchte dafür eine neue Form der Monumentalität. Der Betrachter sollte unmittelbar mit den Akteuren konfrontiert werden.

Auguste Rodin und Alexis Rudier
Monument des Bourgeois de Calais, 1884–1895
Metropolitan Museum of Art, New York
Rodin studierte zur Vorbereitung die einzelnen Figuren und schuf individuelle Plastiken von ihnen. Von manchen Figuren erarbeitete er Akte. Diese unterscheiden sich von den bekleideten Bürgern; sie sind nicht Studien, sondern eigenständige Werke.
Rodin beschäftigte sich kaum mit dem historischen Ereignis; an Pierre de Wissant interessierte ihn vor allem der Körper. Vielmehr die einzelnen Körperteile. Sie wirken monumental, sie ordnen sich nicht unter, sondern verselbständigen sich. Rodin baute die Figur aus einzelnen Teilen zusammen. Ein grosser Unterschied zu Maillols La nuit; dort ordnen sich die Gliedmassen der Kubusform unter.
Die Drehung des rechten Armes gibt der Figur etwas Tänzerisches. Adern, Sehnen, Muskeln und Gelenke treten deutlich unter der Haut hervor. Arbeitsspuren des Bildhauers sind am Körper abzulesen. Die Füsse sind übereck gestellt und die Figur tritt uns nicht direkt gegenüber. Wir müssen uns um sie herum bewegen, um sie zu erfassen. So ergibt sich keine Hauptansicht, sondern eine Variation von wechselnden Möglichkeiten, die Figur zu betrachten.

Auguste Rodin
Pierre de Wissant (nu monumental), um 1885–1887
Kunst Museum Winterthur, Ankauf mit Jubiläumsspenden der Schweizerischen Bankgesellschaft, der Aktiengesellschaft Johann Jakob Rieter & Cie, der Gebrüder Sulzer Aktiengesellschaft und der Schweizerischen Unfallversicherungsgesellschaft, 1948
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Lutz Hartmann)