Carl Spitzweg
Der Maler im Garten, um 1860

Carl Spitzweg
Der Maler im Garten, um 1860
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1947
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Der Künstler Carl Spitzweg wandte seinen Blick nicht den grossen Erzählungen seiner Zeit zu. Im Gegenteil, er widmete sich den kleinen, vertrauten Dingen wie hier in unserem Gartenbild. Dieses zeigt die Rückenfigur eines Mannes, der inmitten einer üppig grünen Umgebung unter einem Sonnenschirm sitzt und im Begriff ist, ein Bild zu malen. Zwar sind weder Gemälde noch Pinsel zu sehen, aber der Titel gibt Auskunft über die Tätigkeit des Sitzenden. Es könnte sich bei der Person um Eduard Schleich den Älteren handeln, einen guten Freund Spitzwegs, der ebenfalls Maler war. Die beiden Landschaftsmaler unternahmen zusammen zahlreiche künstlerische Exkursionen. Auch die Malweise unterstützt diese Vermutung: Im Vorder- und Mittelgrund, direkt neben dem Maler, zog Spitzweg mit dem Pinselstiel Linien in die nasse Farbe, um Grashalme anzudeuten. Diese Technik ist für Spitzweg eher untypisch, im Werk seines Kollegen Schleich jedoch häufiger anzutreffen, womit sie als Referenz oder kleine Hommage an den Künstlerfreund und seine innovative Pinselführung verstanden werden kann.
Typisch für Spitzwegs Schaffen ist allerdings seine Vorliebe für idyllische Stimmungen, im Speziellen das Festhalten einer feinen Lichtstimmung, welche hier die Szenerie durchwirkt und die üppige Vegetation luftig umspielt. Spitzwegs Bilder entstanden meist im Atelier. Bei unserem Maler im Garten handelt es sich vermutlich um eine der seltenen Ausnahmen. Die genaue Beobachtung dürfte Spitzweg seiner Begegnung mit der École de Barbizon verdanken, deren Landschaften ‹en plein air›, also direkt vor dem Motiv, unter freiem Himmel, entstanden.
Eine weitere Besonderheit von Spitzwegs Bildern ist das Moment des unbeobachteten Beobachtens. Hier des Malers durch seinen Kollegen. Dabei arbeitet Spitzweg mit der Raffinesse eines Regisseurs, der selbst einfachste Szenen so inszeniert, dass Betrachtende ausserhalb des Bildes jeweils mehr sehen als die im Bild dargestellten Personen. So scheint sich der Maler im Garten durch nichts von seiner Arbeit ablenken zu lassen – nicht einmal durch das Vögelchen, das sich keck auf seinem Hut niedergelassen hat.
Auf den ersten Blick erscheint uns Spitzwegs Malerei als bildgewordene Nostalgie. Sie kann aber durchaus auch anders verstanden werden. Schauen wir genauer hin und werfen einen Blick hinter die Kulissen, eröffnen sich ganz unerwartete Einsichten – wie im Bild Die Lektüre mit einem Zeitungsleser im Morgenrock. Im geschützten Winkel seines Gartens liest der kauzige Eigenbrötler gebannt von den bewegten Zeiten ausserhalb der Mauern seines Zuhauses – vom Deutsch-Französischen Krieg, von Reichsgründung und Wirtschaftsboom. Doch nichts dringt ein vom Lärm der Welt in seine stille Oase. Nur das beruhigende Plätschern des Springbrunnens meinen wir zu hören, und das Picken der Amsel, die sich ein paar Krumen vom Tisch stibitzt – wieder ein Vögelchen. Damit setzte Spitzweg eine leise, augenzwinkernde Geste der Ironie ins Bild: An die Hauswand sind nämlich zwei Vogelkäfige gehängt, in denen unser Bildungsbürger seine eigenen Vögel hält, während der freie kleine Dieb sich unbemerkt über das Frühstück hermachen kann.

Carl Spitzweg, Die Lektüre, 1870–1875
Kunst Museum Winterthur, Dauerleihgabe der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur, 2025
Und auch bei unserem Maler im Garten ist das Vögelchen nicht einfach nur ein liebevoll ins Bild beziehungsweise auf den Hut gesetztes Detail. Das muntere Tierchen bedeutet vielmehr eine Begegnung mit Leben – Sozusagen das unerwartete Eindringen der Realität in Spitzwegs abgeschlossene Bildwelten. Seine Kunst ist also mehr von Subversion und Doppelbödigkeit durchdrungen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.