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Kunstmuseum Winterthur:

Caspar David Friedrich

Stadt bei Mondaufgang, um 1817

Caspar David Friedrich - Stadt bei Mondaufgang

Caspar David Friedrich
Stadt bei Mondaufgang
, 1817
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1931
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Caspar David Friedrich verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Dresden. Geboren wurde er jedoch an der Ostsee, in Greifswald. Zeitlebens blieb er eng mit seiner norddeutschen Heimat und dem Meer verbunden und so gehörten Häfen und Uferdarstellungen zu seinen bevorzugten Motiven. Es erstaunt daher nicht, dass man in der hier dargestellten Stadt seinen Heimatort herauslesen wollte. Heute ist sich die Forschung jedoch einig, dass es sich um eine von Friedrich erdachte Idealstadt handelt.

Tatsächlich ging es Friedrich in seinem Schaffen kaum je um eine topographische Wiedergabe, sondern vielmehr um einen bestimmten Ausdruck, für den er sich ausgeklügelte Kompositionen ausdachte. Wir erkennen dies hier an den horizontalen und vertikalen Linien, die den Bildaufbau bestimmen, am deutlichsten in der Symmetrie des genau zwischen den Kirchtürmen aufgehenden Mondes. Dessen Aufwärtsbewegung wird durch die langen Türme und insbesondere durch das Hochformat zusätzlich verstärkt. Im Vergleich mit dem 1811 gemalten Hafen bei Mondschein, der ebenfalls zur Sammlung Oskar Reinhart gehört, wird dies deutlich. Während letzterer die wohl erste Bildfindung Friedrichs ist, in der ein Hafen von einem Mond beleuchtet wird, können wir in der Stadt bei Mondaufgang seinen Willen erkennen, den dort gefundenen Ausdruck nochmals zu steigern. Davon zeugt auch das wärmere Licht, das die Situation zusätzlich atmosphärisch auflädt. So sind Friedrichs Gemälde immer Stimmungsbilder, die ein Gefühl vermitteln wollen. Dafür eignen sich nächtliche Szenen und das Mondlicht besonders. Es sind Elemente, die in Friedrichs Bildwelt und in der deutschen Romantik überhaupt eine zentrale Stellung einnehmen. Sie stehen für eine dunkle, verborgene Seite des Lebens, es liegt ihnen etwas Geheimnisvolles zugrunde, das nach der rationalen Epoche der Aufklärung verstärkt Konjunktur hatte.

Caspar David Friedrich - Hafen bei Mondschein

Caspar David Friedrich, Hafen bei Mondschein, 1811
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1934
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Weil der Mond als Himmelskörper das Licht der nicht sichtbaren Sonne reflektiert, wurde er als Christussymbol gedeutet. Er vermag es, das Unsichtbare – die göttliche Strahlen sozusagen – den Menschen zu überbringen. Ob nun auch der Anker als Christentum interpretiert werden muss, weil es den Menschen Halt gibt, mag dahingestellt bleiben. Klar ist, dass Friedrich ein gläubiger Mensch war, der seine künstlerische Arbeit als Vermittlung zwischen der Natur und dem Göttlichen verstand. Es dürfte daher den Ideen des Künstlers nahekommen, wenn wir auch bei der Betrachtung der verschiedenen Bildzonen vom Ufer zum Horizont von einem Diesseits und Jenseits sprechen, und wenn wir im Mond, der Licht ins Dunkel bringt, ein Zeichen der Hoffnung lesen. Wichtiger indes, als die einzelne Aufschlüsselung möglicher Symbole ist das Gewahr-Werden der atmosphärischen Wirkung und des melancholischen, aber doch trostvollen Grundakkords dieser sanften Mondscheinsonate.