Edouard Vuillard
La liseuse, um 1910

Edouard Vuillard
La liseuse, um 1910
Kunst Museum Winterthur, Schenkung von Hans Reinhart, 1958
Foto: Hans Humm, Zürich
Zeit seines Lebens hatte Edouard Vuillard sein Atelier in der Wohnung, wo er zusammen mit der Mutter lebte. Leben und Malerei waren eng mit einander verbunden, auch in der Wahl seiner Modelle. So trat die Mutter in Vuillards Bildern immer wieder auf. «Meine Mutter ist meine Muse!», vertraute er seinem Neffen an. 1908 zogen Mutter und Sohn an die Rue de Calais. Zahlreiche Darstellungen aus den späteren Jahren sind in dieser Wohnung angesiedelt.
Die Figur der lesenden Mutter ist unscheinbar und dennoch präsent. Sie hat ihren Platz zwischen dem gedeckten Tisch und dem reich dekorierten Hintergrund. Farblich verbindet sich das Schwarz-Grau ihres Kleids mit dem Tisch. Überhaupt verzichtet Vuillard auf starke Kontraste. Er baute das Bild aus einer Vielzahl von fein nuancierten Tönen auf. Wie in einem Mosaik greifen diese ineinander. Sorgfältig erfasste er die Stofflichkeit des Geschirrs auf dem Tisch ebenso wie die Ausstattung des Raums – Messing und Marmor des Kamins, die Blumen vor dem Spiegel, das Lampenpaar und die Tapete.
Die Arbeit in der Wohnung erlaubte Vuillard die von ihm geschätzte Maltechnik zu verwenden. Er arbeitete nämlich mit Leimfarbe, die er auf dem Herd am Kochen hielt. Die Leimfarbe wird vom Karton aufgesogen, und einmal getrocknet, leuchtet sie deshalb besonders intensiv. Die Darstellung der Mutter respektiert deren Versunkenheit in das Buch. Sie ist Teil der genau beobachteten Welt der Gegenstände. In dieser Zurückhaltung tritt Vuillards enges Verhältnis zur Mutter zutage.