Giovanni Giacometti
Bildnis Ottilia Giacometti, 1912

Giovanni Giacometti
Bildnis Ottilia Giacometti, 1912
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1936
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Giovanni Giacometti, der Vater des Bildhauers Alberto Giacometti, gehört zusammen mit Cuno Amiet zu den ersten Schweizer Künstlern, welche die modernen französischen Strömungen – Impressionismus, Postimpressionismus und Fauvismus – aufnahmen und für das einheimische Kunstschaffen fruchtbar machten. Ganz im Zeichen dieses schweizerischen Kolorismus porträtierte Giacometti 1912 seine damals achtjährige Tochter Ottilia. Sie kam als drittes Kind der Familie und einzige Tochter am 31. Mai 1904 in Stampa zur Welt. Nach einer kurzen, aber prägenden Studienzeit in Paris hatte sich Giacometti hier in der Abgeschiedenheit des Bergells ein Atelier eingerichtet, wo er seine Motive in natürlicher Beschränkung auf die eigene unmittelbare Lebenswelt fand. Neben der Landschaft und der Bevölkerung des Engadins war ihm seine Familie – die Eltern, seine Frau und die Kinder – gewissermassen der innerste jener Motivkreise, die sein Werk umfassen. Dies bezeugte der Künstler in einem Brief, in dem es heisst: «Ich genoss das Glück häuslichen Familienlebens, umgeben von meinen Kindern, die heute meine Weggefährten sind. Meine Kinder leben in meinen Bildern, und in meinen Bildern steht meine Biografie geschrieben».
Im Porträt seiner Tochter Ottilia hat Giacometti die Räumlichkeit fast vollständig zurückgenommen zugunsten einer kraftvollen Farbigkeit, die das Studium der grossen Vorbilder Cézanne, Gauguin und van Gogh erkennen lässt. Die Gestalt des Mädchens im weisskarierten, preussischblauen Kleid ist stark mit dem farbigen Hintergrund verwoben. Nur das von langem, braunem Haar umrahmte Gesicht mit den grossen grünblauen Augen bleibt als geschlossene Form bestehen. Hinter Ottilia vibrieren pastos aufgetragene Farbflecken in Grün, Rot, Blau, Gelb und Violett, die kaum mehr erkennen lassen, dass das Mädchen vor einem Gemälde steht. Dies legt jedenfalls der Vergleich mit dem ebenfalls 1912 entstandenen und koloristisch sehr ähnlichen Werk Luce e ombra nahe. Hier sitzen zwei Kinder auf dem Waldboden und werden von farbigen Licht- und Schattenflecken umspielt. Die beiden sind in unserem Porträt links und rechts von Ottilia auszumachen: Links, vom Bildrand überschnitten, das rothaarige Kind im blauen Kleid und rechts, grösstenteils verdeckt von der Hauptfigur, das blonde im weissen Trägerkleid mit roten Ärmeln. Im Porträt seiner Tochter ging es Giacometti nicht um ein präzises Abbild des Gemäldes Luce e ombra. Vielmehr gestaltete er es ganz im Sinne seiner lebensfrohen Farbmalerei als flächig-dekorativen Hintergrund und thematisierte damit seine malerischen Hauptthemen – sein Interesse an Licht und Farbe.

Giovanni Giacometti, Luce e ombra II, 1912
Bündner Kunstmuseum, Chur