Giovanni Segantini
Alpenlandschaft mit Frau am Brunnen, um 1893

Giovanni Segantini
Alpenlandschaft mit Frau am Brunnen, um 1893
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1949
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
«Am meisten liebe ich die Sonne, nach der Sonne den Frühling, dann die Quellen, die in den Alpen kristallklar aus den Felsen sprudeln, die in den Adern der Erde rieseln und fliessen wie das Blut in unseren eigenen Adern.» Dieser Tagebucheintrag, den Giovanni Segantini am 1. Januar 1890 niederschrieb, liest sich wie ein Motto zu unserem Bild. Auf ihm spielen die Sonne, die Alpen, das Kristallklare und insbesondere die Quellen, hier in Form eines Brunnens, die Hauptrollen. Überhaupt kommt dem Wasser in Segantinis Denken und Schaffen eine besondere Bedeutung zu. Es steht nicht nur für die Basis des Lebens, sondern es ist auch ein Symbol für den ewigen Kreislauf zwischen Werden und Vergehen. Wie das Wasser als Regen auf die Erde fällt, sich dort verteilt und als Dunst wieder aufsteigt, sind alle Wesen und damit auch der Mensch zyklischen Abläufen unterworfen. Mensch und Natur sind damit immer miteinander verbunden und Segantini zeigt uns diese Verbundenheit im vorliegenden Bild ganz direkt im Akt des Trinkens.
Obwohl zu Lebzeiten ausgestellt, ist das unsigniert gebliebene Gemälde offenbar nicht ganz vollendet. Darauf deuten der lediglich untermalte Hautton der Figur sowie einige nur grob strukturierte Wolkenpartien hin. Dennoch strahlt das Werk eine grosse Harmonie aus, nicht nur motivisch, sondern auch gestalterisch. Der Aufbau in verschiedene Zonen und der aus einem Stamm gehauene Brunnen betonen die horizontale Ausrichtung. Einzig die Frauenfigur und der höchste Berggipfel rechts setzen vertikale Akzente. Das Fehlen perspektivischer Fluchtlinien und die Vermeidung von dynamischen Tiefeneffekten verleihen der Komposition viel Weiträumigkeit und Ruhe, während das Licht und die Farbigkeit zusätzliche Klarheit und Leuchtkraft bringen.
Gemalt ist das Bild in dem für Segantinis Spätwerk typischen Stil des Divisionismus. Dabei trug er die Farben in dünnen Linien auf, möglichst ungemischt, damit sie ihre Leuchtkraft behalten und im Zusammenspiel mit ihren Nachbarfarben auf der Leinwand das Bild gleichsam zum Vibrieren bringen. Zur Steigerung hat der Maler manchmal auch Gold- und Silberstaub appliziert, so auch in unserem Bild, und zwar auf dem kleinen Bergrücken rechts, der den Gipfeln vorgelagert ist. Indem der Künstler die gesamte Bildfläche in diesem Stil durcharbeitet, schafft er in maltechnischer Hinsicht ein verbindendes Element, dem alles unterworfen ist und in dem alles zusammengehört. Damit vereinen sich die formalen und inhaltlichen Elemente zu einer grossen Feier der Natur der Alpen und dem darin eingebetteten Menschen.

Giovanni Segantini
Alpenlandschaft mit Frau am Brunnen, um 1893
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1949
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)