Johann Heinrich Füssli
Titanias Erwachen, 1786–1790

Johann Heinrich Füssli
Titanias Erwachen, 1786-1790
Kunst Museum Winterthur, Jubiläumsgeschenk von Georg Reinhart, 1946
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)
Als der Zürcher Johann Heinrich Füssli um 1786 um Illustrationen zu Shakespeare-Stücken gebeten wurde, war er ein Star in London, wo er bereits seit langem lebte. Und wie heute erzählte man sich auch damals gerne wilde Geschichten über Berühmtheiten. So wurde berichtet, dass Füssli vor dem Schlafengehen blutiges Schweinefleisch ässe und viel Opium konsumiere, um seine düsteren Visionen heraufzubeschwören. Obendrein fluche er ständig auf Schweizerdeutsch. Diese Gerüchte passen zur Kunst des temperamentvollen und hochgebildeten Malers, den man in England «the wild Swiss» nannte, und der mit seinen fantastischen Gemälden wesentlich zum Bild der englischen Gothic-Bewegung beitrug.
Füssli nahm den Shakespeare-Auftrag an und schuf für den Sommernachtstraum insgesamt fünf Gemälde, wobei unseres, Titanias Erwachen, das grösste und figurenreichste von allen ist, und damit zu seinen Hauptwerken gehört. Im Zentrum des Bildes stehen Titania und Oberon, Herrscherin und Herrscher über das Reich der Feen. Bis kurz vor dieser Szene lebte das Paar getrennt. Wir sehen hier, wie sie sich wieder versöhnen. Zwischen den beiden schaut das Menschenkind hervor, um das sie sich zuletzt gestritten haben. Es weckt Titania, die eben noch an den riesenhaften, lasziv daliegenden Bottom rechts von ihr geschmiegt war.
Dieser zentralen Gruppe hat Füssli in eigener Regie einen ganzen Reigen an Figuren hinzukomponiert, die das Geschehen inhaltlich aufladen und gleichzeitig ästhetisch abrunden. Allerlei verspielte und tollpatschige Wesen tanzen und musizieren durch das Bild. Sie gehörten teils Titanias, teils Oberons Hofstaat an. Wir finden aber auch dämonische Gestalten, die als Ausgeburten von Füsslis nimmermüden Fantasie durch das Halbdunkel der rechten Bildhälfte geistern.
Hell und Dunkel wechseln sich hier ab, Feen und Dämonen stehen sich gegenüber ebenso wie die verschieden gestalteten Körper der Figuren – tierische Formen auf der einen, antike Klassik auf der anderen Seite. Füssli mischt virtuos Galantes mit Burleskem, und Mythologisches mit Elementen des Volksglaubens. Diese Gegensätze passen zum Bildthema selbst, denn eigentlich ist dieses Feenreich unsichtbar, zugleich aber lenkende Macht im Hintergrund. Das Unsichtbare wird sichtbar gemacht, das Verborgene und Unheimliche bekommt ein Aussehen. Wir erhalten damit Einblick in die normalerweise verborgenen Tiefen des menschlichen Treibens.

Johann Heinrich Füssli
Titanias Erwachen, 1786-1790
Kunst Museum Winterthur, Jubiläumsgeschenk von Georg Reinhart, 1946
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)