Louis-Léopold Robert
Mädchen von Procida, 1822

Louis-Léopold Robert
Mädchen von Procida, 1822
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1949
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Diese Italienerin in der Tracht von Procida steht am Beginn von Louis-Léopold Roberts Aufstieg und Erfolg als Maler. Dieser Erfolg erstreckte sich schon bald von Frankreich und Italien über Preussen bis nach Russland. Der Westschweizer Künstler hatte in Paris beim berühmten Historienmaler und Klassizisten Jacques-Louis David studiert, doch seine Wahl- und Motivheimat fand er im Bel Paese. Hier erhob er das einfache italienische Volksleben vom niederen Rang der Künste in die erhabenen Gefilde der Malerei. Er schuf folkloristische Idyllen mit Briganten, Fischern und Bauernmädchen, wie unser Idealbildnis eines Mädchens von Procida.
Das Gemälde zeichnet sich durch eine klare, geschlossene Komposition und ein warmes Kolorit aus. In stolzer Pose wendet uns die Italienerin ihren Kopf, der über die Horizontlinie ins reine Himmelsblau ragt, mit einem sanften Lächeln zu. Dies mag erklären, weshalb das Werk noch heute als «Mona Lisa der Romantik» bezeichnet wird.
Robert wählte hier ein Kostüm mit satten Farbklängen, die sich von den eher kühlen Tönen der Landschaft abheben. Er hatte das Kleid und andere Trachten während einer Studienreise an den Golf von Neapel auf der Insel Procida gekauft. In diesen Gewändern liess er seine Modelle im Atelier posieren. Als er das Mädchen von Procida malte, hatte er allerdings nicht nur ein Modell vor Augen, sondern wohl auch künstlerische Vorbilder im Kopf: Leonardo, Raffael und vor allem den Franzosen Ingres. Denn dessen Mademoiselle Caroline Rivière, die Robert wohl aus dem Louvre kannte, weist erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Während dort aber eine Dame der oberen Gesellschaftsschicht in standesgemässer Aufmachung porträtiert ist, hat Robert einem einfachen Mädchen vom Land die Attribute von Würde und Grazie der grossen Malerei der italienischen Renaissance verliehen.

Jean-Auguste-Dominique Ingres, Mademoiselle Caroline Rivière, 1805
Musée du Louvre, Département des Peintures
Robert konnte sein Gemälde auf Einladung des preussischen Generalkonsuls Bartholdy im berühmten Palazzo Zuccari in Rom ausstellen. Heute befindet sich in diesem Haus die Bibliotheca Hertziana, das weltweit einmalige Zentrum zur Erforschung italienischer Kunstgeschichte. Gekauft wurde das Mädchen von Procida schliesslich vom preussischen König persönlich, der sich von Alexander von Humboldt beraten liess.
Während Robert mit seiner Kunst grosse Erfolge feierte, war ihm im Privaten weniger Glück beschieden. Er beging auf dem Höhepunkt seines Ruhmes Selbstmord, wahrscheinlich aus Liebeskummer. Denn seine Liebe zur französischen kaiserlichen Prinzessin Charlotte Napoléone Bonaparte, die bei Robert die Technik der Lithographie erlernt hatte, blieb unerwidert.