Max Liebermann
Pferderennen in den Cascinen, 1909

Max Liebermann
Pferderennen in den Cascinen, 1909
Kunst Museum Winterthur, Schenkung von Georg Reinhart, 1924
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)
Im deutschen Kaiserreich gehörten Pferderennen zum modernen Lebensstil. So auch in Berlin, der Heimatstadt des Künstlers Max Liebermann. Hier zählte der Besuch eines Pferderennens zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens von Adel und Bürgertum. Das mondäne Treiben in den Publikumsrängen interessierte Liebermann allerdings nicht. Vielmehr faszinierte ihn die Dynamik des sportlichen Moments.
Diesen Eindruck von Geschwindigkeit und Bewegung vermittelt sein Werk Pferderennen in den Cascinen mit dem Motiv dreier Pferde, die gestaffelt über ein Hindernis setzen. Während das hinterste Tier zum Sprung über die Hürde ansetzt, ist das zweite bereits in der Luft. Das vorderste Pferd ist im Begriff mit den Vorderbeinen zu landen. Im Hintergrund ist als horizontales Band das Publikum, durchzogen von einer Absperrung, angedeutet. Es bildet das dunkle Bindeglied zwischen der helleren, flächig gehaltenen Rennbahn und der farbig durchsetzten Himmelspartie darüber. Da sich die Tiere in schneller Bewegung befinden, muss der Hintergrund – wie beim Blick aus einem fahrenden Zug – notwendigerweise verschwimmen. So sind die Zuschauerränge und der Himmel mit leichten Verwischungen und in horizontalen, flüchtig gemalten Farbstreifen wiedergegeben, was die kraftvolle und schnelle Bewegung der Pferde noch verstärkt.

Grunewald Pferderennbahn, 1909
Quelle: Buchfreund.de
Anregung für das Motiv könnte Liebermann im Frühjahr 1908 gefunden haben, als er mit seiner Familie nach Rom fuhr und zuvor zwei Wochen in Florenz Halt machte, wo er die Pferderennbahn Parco delle Cascine besuchte. Es könnte aber auch die neue Rennbahn in Berlin-Grunewald gewesen sein, die 1909 – also im selben Jahr, wie unser Gemälde entstanden ist – in Anwesenheit des Kaiserpaares vor 40’000 Personen eröffnet wurde. Rein motivisch fügt sich das doch eher singuläre Bild allerdings recht gut in Liebermanns Spätwerk ein, zumal Themen wie Reiten, Freizeit und gesellschaftliches Treiben zu seinen Hauptinteressen gehörten und er auch gelegentlich ein Polospiel oder einen Tennismatch malte. Neu ist hier aber die starke Betonung von Geschwindigkeit und Bewegungsablauf.

Max Liebermann
Pferderennen in den Cascinen, 1909
Kunst Museum Winterthur, Schenkung von Georg Reinhart, 1924
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)
Die Verbindung des abspringenden und des landenden Pferdes lassen an die Galoppstudien Eadweard Muybridges denken, der in den 1880er Jahren mit seinen Serienaufnahmen von Bewegungsabläufen, der sogenannten Chronophotographie, Furore machte. Diese wiederum waren Inspirationsquelle für französische Künstler wie Edgar Degas, von dem Liebermann Studien besass. Es ist durchaus denkbar, dass Liebermanns Interesse auch durch die französischen Vorbilder angeregt wurde.

Eadweard Muybridge
The Horse in Motion / Sallie Gardner au galop, 1878
Foto: Wikimedia Commons, Library of Congress Prints and Photographs Division