Wilhelm Leibl
Die Dorfpolitiker, 1877

Wilhelm Leibl
Die Dorfpolitiker (Bauern im Gespräch), 1877
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1953
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Wilhelm Leibl hatte von München und dem dortigen Kunstbetrieb mit den oft ablehnenden Kritiken genug, so dass er sich 1873 zum Rückzug aufs Land entschloss. Er wohnte einige Jahre im kleinen Ort Unterschondorf am Ammersee. Mit dem Ortswechsel veränderte sich auch sein Malstil – und zwar nicht nur formal, sondern auch inhaltlich. Hatte er zuvor ausschliesslich bürgerliche Menschen aus dem städtischen Milieu gemalt, fühlte er sich jetzt in einem neuen Lebenselement: «Hier in der freien Natur und unter Naturmenschen kann man endlich natürlich malen». Ausdruck dieser Neuorientierung sind seine Dorfpolitiker, an denen er über zwei Jahre arbeitete. Das Bild gehört als Hauptwerk dieser Umbruchszeit zu den wichtigsten im Schaffen Leibls und zu den meistbesprochenen. Es läutet die zweite, sehr erfolgreiche Schaffensphase seiner Karriere ein. Hatte er zuvor eine spontane und lockere Malweise betrieben und damit nicht zuletzt auch in Paris einige Erfolge feiern können, so gelangte er jetzt zu einem Stil, der sehr feinmalerisch jedes Detail festhielt. So meint man bei diesen Herren fast jedes Barthaar und jede einzelne Falte der wettergegerbten Haut einzeln lesen zu können. Leibl fand die Anregung für diese Art der detaillierten Malerei bei den Alten Meistern, allen voran bei Hans Holbein, mit dem er oft verglichen wurde.
An seine Mutter schrieb er: «Mein Bild stellt fünf Bauern dar, die in einer kleinen Bauernstube die Köpfe zusammenstecken, vermutlich wegen einer Gemeindesache, weil einer ein Stück Papier, welches aussieht wie ein alter Kataster, in der Hand hält. Es sind wirkliche Bauern, wie ich sie möglichst treu nach der Natur male, auch die Bauernstube ist eine solche, weil ich das Bild in derselben male». Leibl wollte die Wirklichkeit so «wahr» wie möglich darstellen. Auch das kleinste Details versuchte er realistisch und deutlich zu erfassen. Diese Art der Darstellung konnte nur durch eine extreme Nahsicht erfolgen, weshalb die Figuren an den Bildrand gerückt sind. Umso wichtiger wurde darum die Komposition, die der Künstler genau durchdachte. So gruppierte er auf der Eckbank drei Männer links um das Schriftstück, während die anderen zwei rechts Platz nehmen. Der Mann ganz rechts ist zudem in klarem Profil zu sehen. Offensichtlich handelt es sich hier um ein regelrechtes Porträt. Dies gilt nicht nur für ihn, sondern auch für die anderen Personen im Bild sowie für die Hände der Figuren. Auch sie sind wohlkomponiert verteilt, detailliert wiedergegeben und charakterisieren die Menschen auf zusätzliche Weise.
Leibls ausgewogene Komposition zeigt sich nicht nur in den motivischen Elementen, sondern auch in den Formen und Farben. Besonders sticht das strahlend weisse Tuch auf den Beinen der linken Rückenfigur hervor. Im ansonsten dunklen Bildzentrum bildet es einen krassen Kontrast. Daneben verleihen die Rottöne einzelner Kleidungsstücke eine warme Note und verbinden sich harmonisch mit den Blau- und Grautönen. Solche Elemente verdeutlichen, dass Leibl nicht nur das Thema sorgfältig wählte, sondern ebenso akribisch auf die Ausführung achtete. Darin liegt die Modernität des Bildes, das – trotz der altmeisterlichen Technik und dem scheinbar konservativen Thema – die Malerei selbst in den Vordergrund stellt. Wie Leibl es formulierte: «Meinem Prinzip gemäss kommt es nicht auf das ‹Was› an, sondern aufs ‹Wie›, zum Leidwesen der Kritiker, der Zeitungsschreiber und des grossen Haufens, denen das ‹Was› die Hauptsache ist».

Wilhelm Leibl
Die Dorfpolitiker (Bauern im Gespräch), 1877
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1953
Foto: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)