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Kunstmuseum Winterthur:

Conrad Meyer – Pionier des Schweizer Barock

Conrad Meyer_Selbstporträt

Conrad Meyer
Selbstporträt von Conrad Meyer
, vor 1670
Schwarze und weisse Kreide, 20,2 x 14,5 cm Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung

Der Zürcher Künstler Conrad Meyer (1618–1689) war ein vielseitiger Mensch – als Maler, Zeichner, Radierer und Chronist prägte er die visuelle Kultur des Barockzeitalters in der Schweiz nachhaltig. Seine Kunst vereint Glauben und Weltbeobachtung, bürgerliche Moral und künstlerische Neugier, lokale Verwurzelung und internationale Offenheit. Diese Ausstellung versteht sich als Wiederentdeckung eines Künstlers, dessen Werk über Jahrhunderte im Schatten internationaler Grössen stand. Eine Auswahl von Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken – viele davon erstmals öffentlich gezeigt – eröffnet ein Panorama, das nicht nur das Schaffen eines aussergewöhnlichen Künstlers beleuchtet, sondern auch ein Stück Zürcher und eidgenössische Kulturgeschichte sichtbar macht.

Zwischen Tradition und Aufbruch

Conrad Meyer wuchs in einer Zeit auf, in der Zürich vom Geist der Reformation, vom Humanismus und vom aufstrebenden Bürgertum geprägt war, gleichzeitig aber auch von Pest, Krieg und religiöser Strenge. Als Sohn des Malers und Kupferstechers Dietrich Meyer d. Ä. erhielt er eine fundierte Ausbildung in der väterlichen Werkstatt, bevor ihn seine Wanderjahre nach Bern, Frankfurt, Augsburg und München führten. In Frankfurt arbeitete er in der Werkstatt von Matthäus Merian; hier begegnete er der holländischen und flämischen Kunst von Rubens, Bloemaert und Jordaens, studierte deren kräftige Malweise und präzise Landschaftsauffassung. Diese Erfahrung schärfte seinen Blick für die internationale Kunst und die sichtbare Welt, für Perspektive, Komposition, Licht und Atmosphäre. 1642 kehrte er nach Zürich zurück, wo er über vier Jahrzehnte als herausragende Künstlerfigur wirkte.

Kupfer und Papier

Im Zentrum von Conrad Meyers Schaffen steht die Druckgraphik: Über tausend eigenhändige Blätter – biblische Szenen, moralische Allegorien, topographische Ansichten – zeugen von seinem Rang als innovativer Kupferstecher. Gemeinsam mit dem Zürcher Dichter und Theologen Johann Wilhelm Simler begründete er die Tradition der Zürcher Neujahrsblätter, in denen sich Kunst, Text und Moral zu einem genuin bürgerlichen Bildungsprojekt vereinen – eine Idee, die im protestantischen Zürich des 17. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden fiel und die bis heute fortbesteht.

Meyer war nicht nur Künstler, sondern auch Chronist. In seinem Hausbuch – heute in der Zentralbibliothek Zürich – beschrieb er das Leben seiner Familie und zugleich die Lebenswelt des Zürcher Bürgertums mit bemerkenswerter Anschaulichkeit. Damit gehört er zu den frühesten Kunstschriftstellern der Schweiz. Sein Austausch mit dem Frankfurter Künstler Joachim von Sandrart, dem Autor der bedeutenden Teutschen Academie, belegt seine Einbindung in das intellektuelle Netzwerk der europäischen Barockkultur.

Einkommensquelle Porträt

In einer reformierten Stadt wie Zürich war das Porträt eine sichere Einnahmequelle für die Kunstschaffenden, und so erstaunt es nicht, dass Conrad Meyer als führender Maler an die zweihundert Bildnisse der Zürcher Oberschicht – Zunftmeister, Ratsherren, Geistliche – schuf. Die Gemälde zeigen meist wenig Pathos und nur selten psychologische Durchdringung, dafür viel handwerkliche Präzision und Nüchternheit. Oft spürt man, dass es sich um Auftragswerke von fast handwerklichem Charakter handelt – nur selten scheint viel Leidenschaft im Spiel gewesen zu sein. Seine Zeichnungen hingegen, von sich und seiner Familie, offenbaren einen einfühlsamen und nachdenklichen Geist.

Der Entdecker der Schweizer Landschaft

Den wohl bedeutendsten Beitrag zur Schweizer Kunst lieferte Conrad Meyer mit seinen Landschaftsbildern. Er gehörte zu den ersten Künstlern überhaupt, welche die vertraute Landschaft als eigenständiges Sujet begriffen und in die bildende Kunst aufnahmen. Seine Zeichnungen, Skizzen und Gemälde zeigen eine Schweiz, die nicht mehr nur Kulisse, sondern Gegenstand der Betrachtung ist.

Besonders bahnbrechend war seine Alpenreise von 1655, die er mit dem niederländischen Maler Jan Hackaert unternahm – die erste dokumentierte Künstlerreise in die Alpen. Die dort entstandenen Zeichnungen gelten als «Inkunabeln der Schweizer Landschaftsmalerei». Sie zeigen das Gebirge nicht mehr als ferne Bedrohung, sondern als bestaunte Wirklichkeit. Damit bereitete Meyer den Boden für die grossen Alpenmaler des 19. Jahrhunderts von Alexandre Calame bis Ferdinand Hodler.

Innovativ war zudem seine technische Arbeitsweise. Mit Skizzenbuch, Stift und Pinseln ausgestattet, wanderte Meyer durch die Umgebung von Zürich und suchte dabei nach pittoresken Motiven. Er arbeitete aber nicht bloss mit dem spitzen Bleistift, sondern griff auch zum Pinsel und hauchte seinen Skizzen mit schwarzer Tusche oder farbigem Aquarell Frische und Leben ein.

Rezeption und Neubewertung

Schon Johann Caspar Füssli, der die erste Schweizer Kunstgeschichte schrieb, nannte Meyer 1769 «aller Hochachtung und Bewunderung würdig». Dennoch blieb er in der kunsthistorischen Literatur lange eine Randfigur, bis er 1979 im Helmhaus Zürich als «Erfinder der Alpenmalerei» neu ins Bewusstsein gerückt wurde. 2025 erhielt Conrad Meyer mit der ersten Monographie Mühlsteinkragen und Totentanz, herausgegeben von einer interdisziplinären Forschergruppe, seine erste umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung. Die Ausstellung in Winterthur ist ein visueller Beitrag zur Neubewertung dieses Ausnahmekünstlers. Sie versucht zu zeigen, dass auch in Zürich, im Schatten der grossen europäischen Metropolen, ein künstlerisches Denken von internationalem Rang stattfand – geprägt von Glauben, Neugier und einem tiefen Sinn für die sichtbare Welt.