Die Leuchtkörper
«Dedobbeleer ist ein Forscher – bei seinen Erkundungen folgt er seinem eigenen, eher gewundenen Weg aus Neugier und Affinität – und ein Intellektueller mit einer bemerkenswert umfassenden Kenntnis der unterschiedlichsten kulturellen Bezüge und Einflüsse».
So charakterisiert die Kuratorin Zoë Gray das Schaffen des 1975 im belgischen Halle geborenen Künstlers Koenraad Dedobbeleer.

Leuchtkörper in der Eingangshalle. Foto: Reto Kaufmann
Seit einigen Jahren besucht der Künstler regelmässig die Insel Murano, die für venezianische Glasherstellung berühmt ist. So nutzte er für eine Ausstellung 2025 in der Galerie Mai36 in Zürich überschüssiges oder zerbrochenes Glas und realisierte damit skurrile Lichtskulpturen. Seine Leuchten bewegen sich zwischen funktional und skulptural und ermöglichen es Dedobbeleer, Themen der künstlerischen wie gestalterischen Produktion sowie der Geschichte der Präsentation und Wahrnehmung von Kunst zu erkunden. Im Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten realisiert er nun die Beleuchtung im Eingangsbereich, die zwischen funktionalem Design und skulpturaler Form oszilliert und zugleich das Licht als Voraussetzung für die Wahrnehmung von Kunst thematisiert. Doch bei allen kunsthistorischen Referenzen und Diskursen sind seine ebenso eigenwilligen wie verspielten Transformationen des Alltäglichen stets lustvoll anzuschauen.

Eingangshalle Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten. Foto: Reto Kaufmann
Dazu der Künstler:
«Die Installation im Foyer des Museums versucht, das Bewusstsein der Besucher:innen für dessen öffentlichen Charakter zu schärfen. Es fungiert als Pufferzone zwischen dem Aussenbereich und den Ausstellungshallen, als Übergangsraum zwischen der Flüchtigkeit städtischer Streifzüge und dem konzentrierten Blickpunkt eines Museumsbesuchs. Die Leuchten interpretieren das öffentliche Mobiliar, das normalerweise ausserhalb eines Gebäudes zu finden ist, neu und holen so das Aussen in das Innere des Gebäudes, wodurch der Aussenraum in den Innenraum verlängert wird. Formal orientiert sich die Installation an Elementen, die bereits im Gebäude vorhanden sind, insbesondere an Murano-Leuchten aus den 1950er Jahren. Hier wurden die Muranoglaselemente, die üblicherweise eine ausgeprägte Innenraumqualität vermitteln, umgestaltet und an eine Formensprache angepasst, die sich auf Arkaden und Aussenwege bezieht. Sie sollen die Besucher:innen dazu einladen, vorbei und nach oben in die abgeschiedenen Räume des Museums zu schlendern.»
Koenraad Dedobbeleer

Der Künstler Koenraad Dedobbeleer. Foto: Reto Kaufmann
Über den Künstler
Dedobbeleer betrachtet seine Arbeiten nicht als Narrative, sondern vielmehr als Behältnisse von Geschichten. Die «dysfunktionalen» Objekte des Künstlers wirken vertraut, scheinen gleichzeitig jedoch stets etwas anderes sein zu wollen. Sie sind gespickt mit subtilen Andeutungen und kunsthistorischen Referenzen. Mit oft nur minimalen Eingriffen verändert der Bildhauer die Struktur alltäglicher Gegenstände, ihre Dimension, Materialität oder Farbigkeit, und löst sie so aus ihrem ursprünglichen funktionalen Zusammenhang, um sie im Kontext der Kunst auf ihre visuellen und kulturellen Qualitäten hin zu überprüfen. Dedobbeleer arbeitet mit musealen Präsentationsformen und -dispositiven und verrät damit eine Nähe zur sogenannten «institutional critique», die er indes mit charmanter Leichtigkeit unterläuft.
2019 widmete ihm das Kunst Museum Winterthur eine umfassende Werkschau, die zuvor im WIELS – Centre d’Art Contemporain in Brüssel zu sehen war und anschliessend an die Kunsthalle Hannover weiterreiste.