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Kunstmuseum Winterthur:

Die Kunst

Ein Höhepunkt der europäischen Kunstgeschichte befindet sich in Winterthur: Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen. Das Meisterwerk der Romantik ist Teil der Stiftung Oskar Reinhart, die den Kernbestand der Museumssammlung bildet. Doch auch darüber hinaus gibt es viel zu entdecken: von Rembrandt bis Böcklin, von Albert Anker bis Ferdinand Hodler – vom 17. bis ins 20. Jahrhundert.

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Goldenes Zeitalter
Die Sammlungspräsentation im Reinhart am Stadtgarten beginnt im Erdgeschoss mit dem niederländischen Barock. Mit Landschaften, Portraits, Genrebildern, Seestücken und Stillleben entfaltet sich ein breites Panorama dieser Epoche, die auch als Goldenes Zeitalter bekannt ist. Damals erlebten die Niederlande eine grosse wirtschaftliche und künstlerische Blüte, die zu einer bislang unerreichten Produktion von Gemälden führte. In den vor einigen Jahren eigens dazu ausgebauten Räumen sind nun die Bestände der Stiftung Jakob Briner zu entdecken. Zu sehen gibt es exemplarische Werke wie jene des Landschaftsmalers Jacob von Ruisdael, des Stillleben-Spezialisten Pieter Claesz. sowie ein frühes Werk von Rembrandt: Die Fussoperation.

Gipfel der Aufklärung
Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt in der Kunst des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Aufklärung. In dieser Zeit erwachte ein neues, wissenschaftliches Interesse an der Natur. Auch die Schweizer Bergwelt mit ihren Gipfeln und Gletschern wurde erkundet, und die Maler hatten daran einen wichtigen Anteil. Einer ihrer Pioniere war Caspar Wolf, der mit einer herausragenden Werkgruppe in der Sammlung vertreten ist. Er war einer der Ersten, der die hochalpine Landschaft in Kunst übersetzte. In seiner Nachfolge prägten Künstler wie Alexandre Calame das Bild der Schweiz als ein Land der Berge. Während Calame vielerorts für seine monumentalen Gemälde bekannt ist, kann man ihn in Winterthur auf einer unmittelbaren Ebene kennenlernen. Oskar Reinhart interessierte sich vor allem für seine Ölstudien, bei denen wir dem Maler sozusagen bei der Arbeit über die Schulter blicken können.

Ein Heimspiel ist der Saal mit Werken von Anton Graff. Der Winterthurer Maler war zu seiner Zeit einer der gefragtesten Porträtisten Europas. In seiner Heimatstadt ist eine exzellente Werkgruppe zu sehen, darunter das sehr persönliche Porträt seiner Gemahlin, das er kurz nach der Hochzeit von ihr anfertigte.

Jacques-Laurent Agasse: Schimmel auf der Weide, um 1806/1807. Stiftung Oskar Reinhart. Foto: Lea Reutimann

Westschweiz
In keinem Museum im deutschsprachigen Raum ist die Westschweizer Malerei so dicht zu erleben wie im Kunst Museum Winterthur. So sind die drei Freunde der Genfer-Schule mit herausragenden Bildern vertreten: Wolfgang-Adam Töpffer, Firmin Massot und Jacques-Laurent Agasse. Einen Höhepunkt bildet hier das Porträt eines Schimmels von Agasse, auf dem das Tier so würdevoll wie ein König festgehalten ist. Speziell zu erwähnen ist auch Ferdinand Hodlers Lehrer Barthélemy Menn, der mit seinen paysages intimes wesentlich zu dieser Gattung beitrug und den französischen Pleinairismus in der Schweiz einführte.

Caspar David Friedrich: Kreidefelsen auf Rügen, 1818. Stiftung Oskar Reinhart. Foto: Lea Reutimann

Romantik

Die Deutsche Romantik strahlte weit über ihre Heimat hinaus und prägte mit ihren radikalen Ideen und eindrücklichen Gemälden ganz Europa. Ihr künstlerischer Protagonist war Caspar David Friedrich, der mit seinen Gemälden neue Wege ging und die Landschaftsmalerei revolutionierte. In der einmaligen Werkgruppe um die berühmten Kreidefelsen auf Rügen ist zu erleben, wie die Landschaft viel mehr sein kann als ein einfaches Abbild der Natur. Sie ist auch ein Zeichen der göttlichen Ordnung, Ausdruck der persönlichen Befindlichkeit des Malers, politisches Manifest und modernes Sehen gleichermassen.

Weitere Preziosen, darunter eine erlesene Auswahl an Ölstudien von Meistern wie Carl Blechen oder Johann Georg von Dillis, ergänzen den Kernbestand der romantischen Abteilung. Dazu kommen Bilder von Italienreisenden, die einen frischen und farbigen Kontrast zu den nachdenklichen Gemälden aus Deutschland bieten: ein eigentliches Fest von Farbe und Licht.

Caspar David Friedrich: Stadt bei Monadaufgang, um 1817. Stiftung Oskar Reinhart. Foto: Lea Reutimann

Biedermeier und Realismus

Nach den tiefsinnigen Gedanken und wilden Gefühlen der Romantik wurde die Malerei wieder etwas bodenständiger. Dies ist in exemplarischer Weise an Wilhelm Leibls frühem Hauptwerk Die Dorfpolitiker, zu sehen. In ausgeklügelter Komposition und nahezu altmeisterlicher Malerei widmete er sich einem alltäglichen Thema, das aber von psychologischen und gesellschaftlichen Bedeutungen durchdrungen ist. Auch Adolph von Menzel, der sonst repräsentative Gemälde für den preussischen König schuf, widmete sich in seiner Freizeit so profanen Dingen wie einem einfachen Bauern oder einem Pferdekopf – inspiriert von den Revolutionsaufständen 1848. Dabei konnte er seinen malerischen Fähigkeiten freien Lauf lassen. Die ausgestellte Werkgruppe von Ölstudien gehört zu den malerisch feinsten Arbeiten dieses Wegbereiters der Moderne.

Dezidiert andere Wege ging der Münchner Carl Spitzweg, der mit feinem Humor und in kleinformatigen Gemälden ein Porträt der Alltäglichkeiten seiner Epoche schuf und darin gleichzeitig auch den Umbrüchen der Gesellschaft entfloh. Hier kann das Museum dank Dauerleihgaben der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte die feine Werkgruppe der Stiftung Oskar Reinhart substanziell verstärken, um Spitzwegs Können und Humor noch schöner erlebbar zu machen.

Schweizer Malerei des 19. Jahrhunderts

Die Schweizer Kunst bildet den Grundpfeiler der Stiftung Oskar Reinhart. Zu ihren wichtigsten Vertretern im 19. Jahrhundert zählen die Landschaftsmaler Robert Zünd, Adolf Stäbli und Rudolf Koller. Koller war bereits zu Lebzeiten vor allem für seine Kuhbilder berühmt, wobei ihn diese Festlegung aber auch immer etwas störte. Aus diesem Grund präsentiert das Museum einen anderen Blick auf sein Schaffen, darunter wunderbare Geländestudien, an denen sein moderner Blick und sein herausragendes Können studiert werden kann. Robert Zünd hatte Oskar Reinhart als Kind noch persönlich an der Hand seines Vaters im Atelier kennengelernt. Seine detailreiche Malerei der Umgebung von Luzern scheint es ihm besonders angetan zu haben, wie die schöne Gruppe an Zündgemälden treffend zeigt.

Arnold Böcklin: Pan im Schilf, um 1856/1857. Stiftung Oskar Reinhart. Foto: Lea Reutimann

Böcklin und die Deutschrömer

Die Synergien bei der Zusammenführung der Winterthurer Kunstsammlungen zeigt sich exemplarisch in der bedeutenden Werkgruppe von Arnold Böcklin. Während die Stiftung Oskar Reinhart unter anderem über das frühe Hauptwerk Pan im Schilf verfügt, besitzt der Kunstverein Winterthur Villa am Meer, eine frühe Version der berühmten Toteninsel. Konnte diese zuvor kaum je sinnstiftend ausgestellt werden, fand sie erst jetzt im Reinhart am Stadtgarten ihr angemessenes Zuhause.

Die Gruppe der Deutschrömer ist schweizweit einzigartig; sie wird zudem durch bedeutende Werke von Hans Thoma, Hans von Marées und eine wunderschöne Iphigenie von Anselm von Feuerbach abgerundet.

Ausstellungssaal mit Werken von Ferdinand Hodler. Foto: Lea Reutimann

Anker und Hodler

Zwei der beliebtesten Maler der Schweiz, Albert Anker und Ferdinand Hodler, sind ebenfalls mit umfassenden Werkgruppen und herausragenden Gemälden vertreten. Auch hier ergänzen sich die Sammlungen der Stiftung Oskar Reinhart und des Kunstvereins in idealer Weise. Oskar Reinhart interessierte sich insbesondere für den frühen Hodler, dessen malerische Qualitäten er überaus schätzte. Neu werden sie zusammen mit Genredarstellungen von Albert Anker in einem Raum präsentiert, wo die beiden Künstler in einen spannenden Dialog treten. Andere Winterthurer Sammlerinnen und Sammler der Epoche begeisterten sich mehr für die grossen symbolistischen Werke von Hodlers Reifephase. So ist auch diese späte Schaffensperiode gültig vertreten, unter anderem mit der sogenannten Hahnloser-Fassung vom Blick ins Unendliche.

Albert Anker: Der Trinker. Foto: Lea Reutimann

Die Bildwelt von Albert Anker, der sich insbesondere für Kinder und ältere Menschen interessierte, wird neu durch erstklassige Leihgaben der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ideal ergänzt. Die Empathie des Malers für die Menschen und sein herausragendes Können lassen sich in der erweiterten Werkgruppe umso schöner nachvollziehen.

Amiet, Giacometti und der Expressionismus

Den kunsthistorischen Abschluss des Sammlungsrundgangs bildet der Expressionismus. In der Schweiz hat er seine Wurzeln im Schaffen Cuno Amiets und Giovanni Giacomettis, die es über das Studium von van Gogh und Gauguin schafften, die dominante Ästhetik Hodlers zu überwinden. Deutlich kann ihr Weg in die Moderne an ihrem Frühwerk schrittweise verfolgt werden, von denen sich einige bestechende Beispiele in der Sammlung befinden.

Der bedeutendste Vertreter des deutschen Expressionismus, Ernst Ludwig Kirchner, prägte eine Generation junger Künstler, die sich in der Basler Gruppe Rot-Blau vereinigten. Sie leistete den wohl wichtigsten Beitrag zum Schweizer Expressionismus. Zu sehen sind grossformatige Werke von Albert Müller und Hermann Scherer, darunter eine der wenigen Skulpturen in der Sammlung: Eine von Scherer markant aus dem Holz geschnittene Mutter-und-Kind-Darstellung. Abgerundet wird die Präsentation mit Werken der internationalen Künstler Oskar Kokoschka und Max Beckmann.

Verbindungslinien

Die Geschichte der Kunst verläuft nicht linear, Epochen und Ideen überschneiden sich. Künstlerische Avantgarde und scheinbar Unzeitgemässes verlaufen parallel zueinander. Die Sammlungspräsentation im Reinhart am Stadtgarten führt von den Altmeistern in die Moderne – allerdings bewusst entlang deutschsprachiger Entwicklungslinien, während andere künstlerische Strömungen des späten 19. Jahrhunderts, etwa der französische Impressionismus, ausgeklammert bleiben. Dieser ist im Nachbargebäude Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus mit Meisterwerken von Claude Monet bis Vincent van Gogh eindrücklich zu erleben. Sie bilden dort den Anfang des Sammlungsrundgangs und leiten über zu Kubismus, Konstruktivismus, Surrealismus – und von da zur Abstraktion und zur Kunst der Gegenwart.

Foyer des Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten mit Kunst von Robert Mangold. Foto: Lea Reutimann

US-amerikanische Kunst

Während das Foyer im Erdgeschoss durch eine Intervention der Architektin Heike Hanada und der Künstlerin Ayşe Erkmen sowie durch die Leuchten des Künstlers Koenraad Dedobbeleer zum zeitgemässen Empfang für den Museumsrundgang umgestaltet wurde, ist das Foyer im Obergeschoss zu einem Ort für Wechselausstellungen geworden. Zu sehen sind neu monumentale Werke der US-amerikanischen Nachkriegskunst, von Robert Mangold, Ellsworth Kelly und vom Konzeptkünstler Lawrence Weiner. Die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts gehört zu den wichtigsten Sammlungsschwerpunkten im Kunst Museum Winterthur. Ihre Präsentation im Reinhart am Stadtgarten schlägt den Bogen von der historischen Kunst in die Ggenwart und vermittelt einen Eindruck von der internationalen Bedeutung und vom Reichtum der Sammlung. Sie bauen eine Brücke nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen den Jahrhunderten. Die hohe Qualität dieser Werkgruppe und die herausragende Stellung der amerikanischen Malerei für die jüngere Kunstgeschichte bildet denn auch einen würdigen Gegenpol zu den unbestrittenen Meisterwerken von Caspar David Friedrich, seinen Zeitgenossen und Nachfolgern.